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Armes Straßenkind

„Entschuldigen Sie bitte, darf ich Ihnen eine Frage stellen…“ sagte sie und kam vorsichtig auf mich zu, während ich kämpfte meine Tasche ans andere Ende des Bahnsteigs zu bringen. Sie sah schmutzig aus. Das Gesicht gepflastert mit roten Punkten. Mit großen Augen sah sie mich durch ihre fettigen Haare an, die einen Teil des üblen Ausschlags verdeckten.

Eine Frage hatte sie dann aber doch nicht. Sie fing sofort an sich zu rechtfertigen und zu erklären warum sie mir jetzt nicht irgendeine Geschichte davon erzähle, dass sie eine Fahrkarte bräuchte oder telefonieren müsse. Sie wolle nicht lügen. Oder gar stehlen. Aber sie brauche Hilfe – die sie sich erhoffte indem sie noch größere Augen machte und ihre Bitte auf die Tränendrüse ausrichtete: „Würden Sie mir armen Straßenkind helfen?“. Sie war zurückhaltend. Ich mit jedem weiteren Wort von ihr ablehnender. „Und was wollen Sie nun?“, fragte ich angenervt. „Na ja, ich bin zum Betteln hier, ich brauche Geld.“, antwortete sie kleinlaut.

Ich bin Berliner. Vielleicht nicht einer derer, der jede Ecke im Szenenviertel kennt. Und ich war auch sonst viel zu selten in dieser coolen Bar, von der immer alle reden. Aber ich glaube ich bin zumindest so viel Großstädter, um genügend Bettler der verschiedensten Sorten gesehen zu haben. Ob es die mit dem Schild und der Catch Phrase „do you speak english?“ sind, schlechte Musiker oder penetrante Straßenfegerverkäufer . Ich glaube viele Maschen zu kennen. Umso überraschter war ich, dass diese junge Frau am Frankfurter Hauptbahnhof, glaubte mit (scheinbarer) Ehrlichkeit etwas zu erreichen.

Nun bin ich mit Sicherheit der letzte der jemanden Hilfe verwehren würde, wenn er sie denn wirklich braucht. Wer mich ein wenig kennt, weiß (eigentlich) dass wenn ich helfen kann, ich das auch mache. Aber wenn mir Bettler gegenüber stehen, schaltet diese Funktion bei mir auf NOOP.

Man möge mich bitte korrigieren (ich meine es ernst, korrigiert mich!) aber in Deutschland sollte es Dank sozialer Einrichtungen und staatlichen Hilfen für niemanden einen Grund geben auf der Straße Leute um Geld anzubetteln. Deswegen fragte ich die junge Frau bestimmt: „Warum gehen Sie denn nicht zum Sozialamt? Die geben Ihnen doch was!“. Die Antwort kam leicht zögerlich, aber ausführlich: „Ja, ich war da, aber die haben gesagt dass sie nicht zuständig sind sondern dass das Amt in StadtX zuständig ist, weil ich dort zuletzt gewohnt habe…“. Ich rollte mit den Augen.

Ey sorry, aber mal ehrlich: geht’s noch? Ja, wir leben im Kapitalismus. Das gefällt nicht jedem. Und das System ist vielleicht nicht Beste. Es gibt Leute die haben viel und andere haben wenig. Das ist nicht schön, besonders für die die wenig haben. Zugegeben. In einer heilen Welt wäre das anders und niemand hätte (Geld-)Sorgen. Aber es ist wohl in jedem noch so perfekten (sozialem) System so, dass man sich um seine Sachen kümmern muss (und ich denke hier nur an realistische Szenarien und ignoriere jegliche Fiktion). Niemand kommt und nimmt dich an die Hand um mit dir zum Amt zu gehen um diese lästige Bürokratie zu erledigen — die uns allen auf den Nerv geht.

Da steht nun also diese junge Frau vor mir — sie muss so in meinem Alter sein, auf jeden Fall unter 30 — und bettelt mich allen Ernstes an ihr Geld zu geben weil sie es nicht auf die Reihe bekommt zum Sozialamt zu gehen? Und dann hat sie sich gerade mich ausgesucht: gerade das Studium fertig und vor Kurzem erst in eine neue Stadt gezogen, eine eigene Wohnung gemietet und mit dem nötigsten ausgestattet, muss ich auch auf jeden Euro achten den ich ausgebe, damit ich in drei Monaten immer noch bedenkenlos was zu Essen kaufen kann. Das ist jetzt kein Gejammer. Mir geht’s keines Wegs schlecht. Meine Eltern waren vorsorglich genug um seit Kleinkindalter Geld für mich zu sparen, so dass ich jetzt einen netten Puffer für die Anfangszeit habe. Und selbst wenn dieser Puffer aufgebraucht werden sollte, kann ich mit Unterstützung meiner Eltern rechnen. Ich habe wohl keinen Grund zu klagen. Doch trotz dieser Sicherheit bin ich Vorsichtig und will es mir nicht erlauben mit Geld um mich zu werfen. Zudembhabe ich in den letzten Jahren (vor allem während meines Studiums) gelernt dass ich mich um alles kümmern muss, um das zu bekommen was ich brauchte und wollte.

Einige Tage vor dem „Treffen“ mit der jungen Frau am Frankfurter Hauptbahnhof, spielte sich eine ähnliche Szene vor dem Wiesbadener Hauptbahnhof ab. Wieder war die Hauptdarstellerin eine junge Frau. Anders war, dass sie Geld brauchte um ihr Handy aufzuladen. Wie selten dämlich ich diese Bettelgeschichte fand, muss wohl nicht erwähnt werden. Auch diese Frau fragte ich, warum sie nicht zum Amt geht um sich Hilfe zu holen. Sie antwortete prompt, „Da war ich schon. Aber die glauben mir nicht dass ich ich bin.„. Ich konnte nicht glauben was ich da hörte: „Na, Sie haben doch bestimmt ein Personalausweis!„, sagte ich schnippisch. Daraufhin fing sie an sich unverständlich zu erklären und wandte sich mit den Worten „trotzdem Danke“ ab und ging weiter.

Das ist mir völlig unverständlich! Ich kann verstehen, dass es Menschen gibt die es durch Schicksalsschläge nicht leicht im Leben haben. Dann sollen diese auch Hilfe bekommen. Gar keine Frage. Aber doch bitte von den richtigen Stellen und nicht von mir oder anderen Leuten auf der Straße. Nicht ohne Grund gibt es soziale Einrichtungen, von staatlicher und privater Hand geführt. Den leicht egoistischen Unterton kann ich an dieser Stelle leider nicht verstecken. Und dann müssen diese auch in gewisser Weise selber in der Lage sein sich bemerkbar zu machen um die Hilfe zu bekommen die sie brauchen und ihnen dann letztendlich sich hilft. Die paar Euro die man sich am Tag auf der Straße erbetteln kann, können offensichtlich langfristig keine Verbesserung bedeuten. Und um das zu kapieren muss man,  denke ich, nicht erst anfangen zu betteln. Wer dennoch nicht in der Lage ist dass zu verstehen und unbeirrt den Leuten auf der Straße Geschichten erzählt um an Geld zu kommen, hat es vielleicht gar nicht anders verdient.

Nachdem die junge Frau am Frankfurter Bahnhof mit ihren Erklärungen fertig war und sie nicht mehr wusste was sie sonst noch sagen sollte, gab es eine kleine Pause in der nichts passierte. Sie tat mir schon irgendwie leid. Ich überlegte was sie sich, wenn ich ihr Geld gebe, wohl kaufen würde. Alk? Kippen? Stoff? Oder vielleicht doch ein Brötchen und ein Shampoo?

Ich gab ihr zwei Euro. Sie bedankte sich mehrmals. Ich griff meine Tasche und ging weiter. Sie ging auch weiter und suchte wahrscheinlich den nächsten, dem sie ihre Geschichte von einem armen Straßenkind erzählen konnte.